Olympische Nachbetrachtung

Hallo zusammen!

Viel, viel Zeit ist vergangen seit dem letzten Blogbeitrag und in der Zwischenzeit hat sich ehrlich gesagt so einiges getan: Köln spielt in der zweiten Liga, Angela Merkel ist wieder beliebt(er) und wir haben doch noch so etwas wie Sommer abbekommen!
Im Ernst: Die Olympischen Spiele in London waren natĂŒrlich DAS Sportereignis mit einer Vielzahl an EindrĂŒcken, Emotionen und Erlebnissen. Ich habe es ja bisher immer so gehalten, dass ich in meinem Blog nicht auf Spiele, Resultate oder Turniererfolge eingehe und möchte das auch in diesem Fall so beibehalten. Zum einen weil bereits von diversen Medien jeder sportliche Blickwinkel beleuchtet wurde und zum anderen weil mir das Aufschreiben von Randnotizen reizvoller erscheint. Dennoch möchte ich mich kurz bei all den Gratulanten, Mitfiebernden und Fans bedanken die uns die Daumen gedrĂŒckt und mit dazu beigetragen haben, dass unsere schöne Sportart (hoffentlich dauerhaft) die Aufmerksamkeit erfĂ€hrt die sie verdient und natĂŒrlich auch dass Julius und ich unfassbar schöne Momente erleben konnten und immer noch erleben!

Nun aber zum eigentlichen Text: Vor Beginn der Spiele hatte ich noch ein etwas mulmiges GefĂŒhl bezĂŒglich der zu erwartenden Stimmung, denn wenige Wochen vor dem EntzĂŒnden der Flamme im Olympiastadion machte die Information die Runde, dass die fĂŒr die Sicherheit zustĂ€ndige Firma festgestellt hat, dass sie nur knapp die HĂ€lfte der benötigten Mitarbeiter anwerben und einstellen konnte. Kurzfristig sollten daher tausende zusĂ€tzliche Soldaten fĂŒr die Absicherung der WettkampfstĂ€tten eingesetzt werden.
Meine aus Kriegsdienstverweigerungszeiten geprĂ€gten und selbstverstĂ€ndlich unqualifizierten Vorbehalte gegenĂŒber den abkommandierten Soldaten erwiesen sich aber sehr schnell als unbegrĂŒndet. Nicht nur die tausenden hilfsbereiten Volunteers verströmten eine positiv-freundliche AtmosphĂ€re, sondern auch das militĂ€rische Sicherheitspersonal zeigte sich ĂŒberhaupt nicht als lediglich befehlsausfĂŒhrendes Organ, sondern fĂŒgte sich nahtlos in die sportbegeisterte und extrem gastfreundliche Grundstimmung ein.
Zwar habe ich nur den Vergleich zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen, doch wĂ€hrend man damals den Eindruck hatte, dass die meisten Griechen das grĂ¶ĂŸte Sportereignis der Welt Ă€hnlich ernst nahmen wie die StabilitĂ€t ihrer Staatsfinanzen, schien es als wĂ€ren alle Menschen in und um London vom Olympiavirus befallen und sorgten fĂŒr eine einzigartige AtmosphĂ€re. Egal ob ein Schwimmfinale, die erste Runde im Fechten, 100m-Sprint, Mauritius gegen Spanien im Beachvolleyball oder ein Vorkampf bei den SportschĂŒtzen auf dem Programm stand: Die Veranstaltungen waren ausverkauft, die Sportler wurden mit maximalem Respekt empfangen und großartige Leistungen wurden mit mindestens ebensolcher Begeisterung honoriert!
Und auch unter den Athleten aus aller Herren LĂ€nder im Olympischen Dorf breitete sich schnell eine sehr angenehme Stimmung aus: War man beim erstmaligen Betreten des Dorfes noch aufgeregt wie beim Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern, so machte sich bald Entspannung breit und hierzu trugen sicherlich auch einige der Prinzipien von Olympischen Spielen bei: Wohnen in relativ karg eingerichteten 8-er-Apartments, einfaches aber vielfĂ€ltiges Essen in der Riesenmensa sowie das Fehlen jeglicher Sonderbehandlungen. Was (zumindest aus mitteleuropĂ€ischer Sicht) als dauerhaftes Staatssystem als gescheitert gilt, funktioniert auf sportlicher Ebene zumindest fĂŒr den ĂŒberschaubaren Zeitraum von zwei bis drei Wochen hervorragend und ist sogar verlockend: Gleiche unter Gleichen leben (fast) ohne Privatbesitz in einfachen VerhĂ€ltnissen – aber Niemand muss hungern!!
Man könnte meinen, dass hochbezahlte Sportler, denen normalerweise jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird, keine Lust verspĂŒren ihre Privilegien aufzugeben, gerade wenn der womöglich wichtigste Wettkampf ihres Lebens ansteht. Doch eben diese Reduzierung auf das Wesentliche sowie das Zusammenleben und der Austausch mit Sportlern diverser Nationen und Disziplinen macht das Dorfleben so besonders und interessant!
Ich möchte jedoch auch nichts romantisch verklĂ€ren: Zum einen gibt es auch im spartanischen Dorf McDonalds, CafĂ©s und auch die WĂ€sche mĂŒssen die Sportler nicht selbst waschen. Zum anderen hat das “einfache” Leben auch negative Seiten. Unter rein sportlichen Gesichtspunkten ist es zB nicht ganz optimal, dass in den ersten NĂ€chten aufgrund der Hitzeperiode auch Nachts noch Temperaturen von ĂŒber 30 Grad in den Apartments herrschten (Klimaanlagen werden erst nach Abschluss der Paralympics installiert) und somit eine erholsame Nachtruhe beeintrĂ€chtigt wurde. Zudem war aufgrund der extrem unterschiedlichen Spielzeiten (wir kamen teilweise erst um 2 Uhr vom TurniergelĂ€nde zurĂŒck und wurden dann noch ausbehandelt, die ersten verließen das Dorf um 6 Uhr morgens) praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit im doch recht hellhörigen 8-er-Appartment Betrieb. Es herrschte ein stĂ€ndiges Kommen und Gehen, so dass die zufĂ€lligen Momente der Ruhe recht dĂŒnn gesĂ€t waren. Auch verkommen Olympische Dörfer in der zweiten HĂ€lfte der Spiele mehr und mehr zur Freizeit- und Partyzonen, in denen es nicht immer einfach ist, die perfekte Balance zwischen dem Hochhalten der Spannung und der gewollten Kopfregeneration zu finden.

Zum Abschluss der olympischen Nachbetrachtung vielleicht noch ein paar Worte zu Dingen, die sich nicht auf die sportliche Leistung selbst, sondern mehr auf die BegleitumstĂ€nde des sportlichen (Miss)Erfolgs beziehen. Viel wurde ja in den vergangenen Wochen ĂŒber die Sportförderung in Deutschland diskutiert. Die einen halten diese fĂŒr nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸ, andere finden sie ganz toll und dann gibt es noch diejenigen, die sie fĂŒr völlig ĂŒberflĂŒssig halten. Zweifelsfrei gibt es Argumente fĂŒr jede dieser Ansichten und auch ich habe hier meine Meinung, die sich irgendwo zwischen den beiden ersten Varianten bewegt: Ich finde viele Dinge gut an der deutschen Sportförderung, zB den Umstand, dass es neben der staatlichen Förderung und dem DOSB auch die SĂ€ule “Deutsche Sporthilfe” gibt, die zusammen mit ihren Partnern sehr zielgerichtet ihre Mittel einsetzt.
NatĂŒrlich ist nicht alles super, die Bereitstellung und Verwendung der Mittel der erstgenannten Förderer sind beispielsweise recht schwer zu durchschauen. In unserem Fall wird dies noch erschwert durch die Aufgabe unseres Verbandes, zwei unterschiedliche Sportarten (Halle und Beach) mit den nicht gerade ĂŒppigen Eigen- sowie den angesprochenen Drittmitteln zu fördern. Insgesamt finde ich die Diskussion durchaus legitim und wichtig, ob die vorhandenen Mittel – nicht nur im Volleyball – gerecht, sinnvoll und maximal erfolgsversprechend eingesetzt werden.

In vielen LĂ€ndern ist Sportförderung eine mehr oder weniger rein staatliche Angelegenheit. Mit Steuergeldern werden riesige Budgets freigegeben und sowohl in der Breite wie in der Tiefe eingesetzt. NatĂŒrlich schlĂ€gt sich dies unter anderem auch im Medaillenspiegel nieder. Geld schießt oder wirft zwar immer noch keine Tore, kann aber doch dafĂŒr sorgen, dass Potentiale freigelegt und ausgeschöpft werden. Ganz nebenbei: Ich persönlich halte den Aufbau des Medaillenspiegels fĂŒr absurd und man braucht sich auch nicht zu wundern, dass in der Öffentlichkeit nur noch der Sieg zĂ€hlt und einer Silbermedaille oftmals der Makel des ersten Verlierers anhaftet, wenn ein Land mit einer gewonnen Goldmedaille im Medaillenspiegel vor LĂ€ndern mit diversen Silber- und Bronzemedaillen gefĂŒhrt wird. Aber wie auch immer der Medaillenspiegel errechnet wird, interessant und entscheidend ist meiner Meinung nach die Beantwortung der Frage, ob die deutsche Bevölkerung ĂŒberhaupt bereit wĂ€re, den zukĂŒnftigen Erfolg deutscher Athleten und eine bessere Platzierung im Medaillenspiegel mitzufinanzieren. NatĂŒrlich muss zu allererst geschaut werden, wie die bisherigen, nicht unbetrĂ€chtlichen, zur VerfĂŒgung stehenden Mittel am effizientesten eingesetzt werden können. DarĂŒber hinaus könnte jedoch eine signifikante Erhöhung der Fördersummen wohl nur durch mehr Bundesmittel und damit Steuergelder erzielt werden. Da auch Deutschland kein Geld zu verschenken hat, mĂŒsste man vielleicht wirklich die Meinung der deutschen Bevölkerung einholen, ob deren sportliche Begeisterung und der Wunsch nach deutschen Sporterfolgen so groß sind, dass hierfĂŒr mehr Steuergelder in die Hand genommen werden oder an anderer Stelle gekĂŒrzt werden sollte.

Es sei noch kurz angemerkt, dass selbstverstĂ€ndlich auch der Breitensport eine bedeutende Rolle innerhalb der deutschen Sportlandschaft einnimmt, dessen Thematisierung an dieser Stelle aber den ohnehin schon unĂŒbersichtlichen Rahmen gesprengt hĂ€tte…

Ich beschließe diesen recht langen Blogeintrag mit dem ĂŒblichen Photo des Tages, diesmal frisch aus dem Erholungsurlaub. Mit Beachvolleyball habe ich mich hier nur kurz fĂŒr dieses Photo beschĂ€ftigt, doch zeigt dieses zweierlei: Erstens kann man diesen schönen Sport immer und ĂŒberall spielen und zweitens besteht dringender Bedarf, mehr Spielfelder zu bauen – notfalls auch mit Steuergeldern ;)

Euer Jonas

 

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2 Antworten auf Olympische Nachbetrachtung

  1. Tobi sagt:

    Wie immer sehr interessante Einsichten, vor allem abseits des Platzes. Lese deinen Blog sehr gerne, weil du, aus Sicht eines Sportlers mit gesunder Einstellung, ĂŒber nicht- bzw neben-sportliche Themen berichtest. Bitte mehr davon!

  2. Andreas sagt:

    “Erstens kann man diesen schönen Sport immer und ĂŒberall spielen und zweitens besteht dringender Bedarf, mehr Spielfelder zu bauen – notfalls auch mit Steuergeldern

    Word! Wo muss ich unterschreiben???? :)
    Wie immer ein toller Blogeintrag Jonas. Gern mehr und öfter davon :)

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