London, wir kommen!

Hallo zusammen,

die Olympiasaison hat nun auch fĂŒr das Team Brink/Reckermann begonnen, aufgrund meiner Schulterverletzung konnten wir erst vor drei Wochen in das Turniergeschehen eingreifen. Sportlich lief es gleich sehr respektabel (Sportinfos auf brinkreckermann.de), aus touristischer Sicht haben wir uns allerdings die falschen Orte und/oder WetterverhĂ€ltnisse fĂŒr den Wiedereinstieg ausgesucht! Der EM-Austragungsort in Scheveningen/Den Haag ist ein wunderbares Fleckchen Erde, von sehr netten Leuten bewohnt (wenn nicht gerade Fußball-EM ist) und bestens geeignet fĂŒr eine Vielzahl an AktivitĂ€ten – allerdings eben nur bedingt fĂŒr Beachvolleyball… Wenn ein KĂŒstenabschnitt als ein Mekka fĂŒr Wind- und Kitesurfer gilt, dann ist dies leider ein Ausschlusskriterium fĂŒr niveauvolles Beachvolleyball. In diesem Jahr hatten wir noch relatives GlĂŒck, denn an drei von fĂŒnf Turniertagen wehte der Wind nur mit moderaten 3-4 WindstĂ€rken und auch das Thermometer wagte sich fast bis an die 20-Grad-Grenze heran. Ansonsten gab es aber auch wieder das gewohnte Bild: Tag 2 wartete mit an irregulĂ€ren Bedingungen grenzenden Winden der StĂ€rke 5-6 auf, hinzu kam ein Tag spĂ€ter Dauerregen bei 13 Grad Celsius – fairerweise galt die Wettervorhersage aber immer fĂŒr beide SpielfeldhĂ€lften…

FĂŒr den Finaltag waren dann 8 (!) Grad Celsius und Regen vorhergesagt! AufgewĂ€rmt haben wir uns im beheizten Physiocontainer, zogen mehr Lagen Kleidung an als österliche Skifahrer – NeoprenfĂŒĂŸlinge eingeschlossen – und nutzten WĂ€rmesalbe, um wieder GefĂŒhl in die klammen Finger zu bekommen! GlĂŒcklicherweise blieb es aber weitestgehend trocken. FĂŒr uns Spieler war es somit dann auch halbwegs ertrĂ€glich, nur die im kalten Wind sitzenden Zuschauer sehnten sich vermutlich mehr nach GlĂŒhwein denn Caipirinha.

Wenige Tage spĂ€ter stand dann das Grand-Slam-Turnier in Moskau auf dem Programm – aus unterschiedlichen GrĂŒnden nicht unbedingt das Lieblingsturnier der meisten Athleten. Bereits vor der Anreise tauchen oftmals die ersten (Visa-)Probleme auf: WĂ€hrend es in meinem Fall reine Vergesslichkeit gewesen ist, die einen Besuch und Express-Antrag beim russischen Konsulat nach sich zog, hatten die Olympiasieger Rogers/Dahlhausser bestenfalls eine Teilschuld an ihrer ungewollten Turnierabmeldung. Weil auf der Einladung des russischen Verbandes im Namen “Dahllhausser” ein “l” zu viel auftauchte, wurde das Visum verweigert und mangels ausreichender Zeit fĂŒr eine korrigierte Einladung mussten die beiden die ungewöhnlichste und Ă€rgerlichste Turnierabmeldung der Saison vermelden. Ich war nun bereits das vierte oder fĂŒnfte Mal in Moskau – gesehen habe ich von dieser Weltmetropole bisher aber leider nur sehr wenig. Neben unserem sehr eng gestrickten Turnierkalender erlaubt auch das Verkehrschaos auf Moskaus Straßen und die lokale Organisation leider keine touristischen AusflĂŒge, denn es fehlt einfach die Zeit! Traditionell wird hier ein Spielerhotel auserkoren, das einige Kilometer vom VeranstaltungsgelĂ€nde entfernt liegt und die durchschnittliche Fahrtzeit mit dem Bus betrĂ€gt an Werktagen 30-45 Minuten pro Strecke, Spitzenwerte waren in diesem Jahr zwei Fahrten mit einer Dauer von 60 bzw 90 Minuten. Da das Mittagessen aber im Hotel kredenzt wurde, verbrachte man bei zwei Spielen tĂ€glich ein gutes StĂŒck des Tages im Bus. So blieb in erster Linie (reichlich) Zeit fĂŒr die alljĂ€hrliche Verkehrsanalyse und der Trend ist ungebrochen: Fuhren bei meinem ersten Moskaubesuch vor knapp 10 Jahren hauptsĂ€chlich Autos der Kategorie “Lada, Wartburg und Co” durch die Straßen, hat das Luxussegment, vorrangig bestehend aus Autos deutscher Hersteller, mittlerweile eindeutig die Nase vorn. Da diese Autos nicht nur deutlich grĂ¶ĂŸer, sondern auch mit weniger Personen besetzt sind, kollabiert der Verkehr zumindest in den Stoßzeiten jeden Tag aufs Neue.

Im Zusammenhang mit der Fußball-EM in Polen und der Ukraine wurde im Vorfeld ĂŒber die Vergabepraxis von sportlichen Großereignissen sowie der nicht-sportlichen MeinungsĂ€ußerung von dort aktiven Sportlern heiß diskutiert. Wenn man sich den Turnierplan anschaut, dann tauchen auch in unserer Sportart einige Orte auf, deren Regierungen Menschenrechten nicht unbedingt höchste PrioritĂ€t einrĂ€umen und eigentlich kann man es auch sagen, wie es ist: Es herrschen teilweise menschen- und freiheitsverachtende ZustĂ€nde. Als Sportler macht man sich natĂŒrlich schon so seine Gedanken, aber insbesondere in den nicht ganz so populĂ€ren Sportarten ist zum einen die Medienwirksamkeit relativ gering und zum anderen kann man nicht wirklich einschĂ€tzen, inwiefern ein öffentliches Statement kurz- bis langfristige Folgen fĂŒr die sportliche Karriere haben könnte. Dennoch habe ich mich ab und zu schon mal geĂ€rgert, dass wir Spieler nicht mal bei passender Gelegenheit eine kritische Äußerung oder Frage getĂ€tigt haben – auch in Moskau hĂ€tte sich im Nachhinein die Möglichkeit ergeben. WĂ€hrend wir unser Turnier spielten und halbnackte TĂ€nzerinnen in den Spielpausen ihr bestes gaben, wurde kurzfristig das Demonstrationsgesetz verschĂ€rft, um zwei Tage spĂ€ter unmittelbar vor einer friedlichen, aber regierungskritischen Demonstration Oppositionelle und populĂ€re Regimekritiker vorĂŒbergehend zu verhaften – lupenreine Demokratie sieht anders aus…

Letztendlich ist es aber auch zu einfach, von den Sportlern zu erwarten, dass diese sich mit Vehemenz zu diesem oder einem der vielen anderen möglichen Themen öffentlich Ă€ußern, denn wir sind ja in erster Linie Teilnehmer und haben auf die Vergabepraxis der Sportveranstaltungen keinen Einfluss. Man mĂŒsste vielleicht eher hinterfragen, warum insbesondere die wichtigsten sportlichen Großveranstaltungen immer wieder an LĂ€nder vergeben werden, die zwar reich sind, aber weder die entsprechenden sportlichen noch menschenrechtlichen Rahmenbedingungen vorweisen können. WettkĂ€mpfe wie die Olympischen Spiele stehen immer auch fĂŒr VölkerverstĂ€ndigung und friedliches Miteinander.

Anders als bei einigen nachfolgenden sportlichen Großereignissen, in deren Vorfeld diese Art der Diskussion mit Sicherheit wieder aufflackern wird, sind England und insbesondere London vor dieser Art der Diskussion gefeit.

Durch unsere nun auch offiziell bestĂ€tigte Qualifikation wird Olympia 2012 mehr und mehr prĂ€sent. Dies macht sich fĂŒr uns durch die extrem große Zahl an Interviewanfragen genauso bemerkbar wie durch Einkleidungstermine oder auch das AusfĂŒllen dutzender Formulare fĂŒr den DVV, DOSB, NOK, NADA, WADA, IOC, FIVB…

Bevor die Spiele dann endgĂŒltig beginnen, werde ich mich noch mal an dieser Stelle zu Wort melden und verabschiede mich bis dahin mit gleich zwei Photos des Tages, jeweils gefunden wĂ€hrend unseres Aufenthaltes beim Turnier in Rom. Ich bin der italienischen Sprache nicht mĂ€chtig,aber ich glaube nicht, dass unsere Kanzlerin hierbei all zu gut wegkommt…

Bis dahin, Euer Jonas

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3 Antworten auf London, wir kommen!

  1. Thorsten sagt:

    Kommt der auch wieder bei Spox? Schön mal wieder ĂŒber deine Anekdoten zu schmunzeln.

    Jonas: Hallo Thorsten! Ja, kommt auch bei spox, mittlerweile ist er online. Dauert immer ein wenig bis das dort eingepflegt wird.

  2. Astrid sagt:

    HERZLICHEN Glueckwunsch Ihr Beiden!!!
    Ihr habt es geschafft und wir haben hier am Fernseher mit Euch mitgefiebert!!
    Wann sehen wir Euch in Berlin wieder???

  3. Silvia sagt:

    Zuerst mal herzlichen GlĂŒckwunsch zur olympischen Goldmedaille!
    Hab von Beachvolleyball keine Ahnung und bin nur durch den Olympia-Sieg hier auf diese Website gestossen.
    Ich möchte nur was zu den (fehlenden) Menschenrechten sagen, die ja schon bei der FussballEM und immerwieder gern angeprangert werden. Ich kann das irgendwie nicht mehr hören und finde es so doppelmoralisch, auf gewisse LĂ€nder mit dem Finger zu zeigen, sei es nun Russland oder Iran oder weißderGeier. Bei fehlenden Menschenrechten oder auch Besatzungs-Kriegen fĂ€llt mir persönlich zuerst die Weltmacht USA ein. Vietnam, Grenada, Irak 1+2 uswusf. Die Politik gegen die Indianer im eigenen Land, Todesurteile gegen nachweislich Unschuldige oder seit Jahrzehenten inhaftierte politische HĂ€ftlinge wie Leonard Peltier: die Liste ließe sich fortfĂŒhren und ist DAS ein Grund fĂŒr einen Sportler NICHT in die USA zu reisen oder ein Grund fĂŒr die Weltöffentlichkeit, sich aufzuregen? Sicher nicht. Erinnert sei auch an Stuttgart21- Demonstrationen hier in Deutschland, die brutalst auseinandergerissen wurden. Die Politik hat Dreck am Stecken und das ist leider ĂŒberall so.
    Mit besten GrĂŒĂŸen, Silvi

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