Ein heikles Thema

So, eine Woche Turnierpause. Da hab ich ein bisschen Luft euch mal wieder was zu erzĂ€hlen. Wo dieser “Hochsommer” außerdem mit 15 Grad und Dauerniesel nicht gerade zu Kanutouren auf den AlsterkanĂ€len einlĂ€d…
Wir haben schon ein bisschen Sorge, dass unser sonnenverwöhnter BBQ-Trainer jeden Moment die Tasche packt und nach Neuseeland zurĂŒckfliegt!
Passend zum Wetter und der gerade laufenden Tour de France, wollte ich heute mal ein trauriges Thema angehen: Doping.
Dazu erstmal kurz das 1×1 dieser Wissenschaft:
Die Welt-Anti-Doping-Agentur, kurz WADA, kategorisiert seit einigen Jahren verschiedene  Sportarten in verschiedene Risikogruppen A, B und C.
A sind hierbei die Sportarten mit dem grĂ¶ĂŸten, C mit dem geringsten Dopingrisiko.
Bemessungsgrundlage hierfĂŒr sind:  das empirische Risiko, wieviel positive FĂ€lle es in der Historie gegeben hat, das physiologische Risiko, wieviel Potenzial in der Physis steckt, das öffentliche/mediale Risiko, wieviel Aufmerkamkeit die Sportart bekommt sowie das finanzielle Risiko, um wieviel Kohle es geht.
Danach werden neben den Sportarten außerdem die Athleten in verschiedene Testpools eingeteilt, die wiederum Aufschluss geben, wie intensiv der oder die Einzelne kontrolliert wird.
Der RTP ist dabei der meistkontrollierte, dann kommt der NTP und dann der ATP. Sportarten der Risikogruppe A haben deutlich mehr Leute im RTP als die der Risikogruppe C.
Fakt ist aber die Top-Athleten aller Sportarten sind im RTP. Beim Beachvolleyball sind das glaube ich die ersten 48 der Welt. Beim Radfahren dann vielleicht die ersten 1000 oder so, das weiß ich nicht.
Soviel zur Theorie. In der Praxis mĂŒssen wir RTP-Athleten jedes Jahr vier Mal online einen dreimonatigen Kalender ausfĂŒllen und angeben, wo wir sind. Dabei mĂŒssen wir jeden Tag eine Stunde an einem Ort fĂŒr eine Dopingprobe zur VerfĂŒgung stehen, 365 Tage im Jahr. Die Proben mĂŒssen aber nicht zwangslĂ€ufig innerhalb dieser Stunde stattfinden. Nur wenn wir in der angegebenen Stunde an irgendeinem Flughafen sitzen, weil unser Flieger VerspĂ€tung hat und wir das nicht sofort online Ă€ndern aber dann ein Kontrolleur kommt, gibt’s einen “missed test”. Bei drei “missed tests” eine Sperre.
Dieser Kalender ist einsehbar von der WADA und der NADA, der Nationalen-Anti-Doping-Agentur. Die testen unabhĂ€ngig voneinander. In Deutschland ist die NADA sehr aktiv, wir werden schon so 5-6 Mal im Jahr zuhause besucht fĂŒr Trainingskontrollen. ZusĂ€tzlich zu den Wettkampfkontrollen auf den Turnieren. Als ich im Februar aus Neuseeland wiederkam, wurde ich abends um 22Uhr von der WADA getestet und am nĂ€chsten Morgen um 8Uhr konnte ich dem Kollegen von der NADA den Durchschlag der Probe am Vorabend zum Abschreiben der Formalien geben.
In anderen LĂ€ndern, hört man, ist die NADA da nicht so genau, bzw wird mit Testergebnissen anders umgegangen. Deshalb ist es eben wichtig, dass es auch Tests von der WADA gibt, nach dem Motto “gleiches Recht fĂŒr alle”.
Diese WADA Kontrollen sind im Beachvolleyball relativ neu. Zumindest kann ich mich nicht erinnern frĂŒher schon von der WADA Trainingskontrollen zuhause gehabt zu haben.
In Moskau letzte Woche dann der Schock. Laura braucht morgens normalerweise immer erstmal ein paar Minuten, bis sie aus den Federn kommt. An dem Tag kam der ĂŒbliche verschlafene Griff zum Wecker bzw Handy und ZACK war sie hellwach. “NEIN!” Hör ich sie nur entsetzt neben mir und ich wusste, da ist was passiert. “Pedro hat eine positive Dopingprobe! Hab eine SMS bekommen.”
Da saß auch ich dann aufrecht im Bett. “Das kann nicht sein. Nicht der.” Aber wer denn? Frage ich mich jetzt. Irgendwie bin ich immer davon ausgegangen, dass man von den DopingfĂ€llen aus den Medien hört, von Sportlern, die man nur aus den Medien kennt, aber nicht bei uns! Nicht bei den Leuten, mit denen man das ganze Jahr unterwegs ist und locker quatscht. “Das kann nicht sein, vielleicht hat er in China Fleisch gegessen oder so”.
Im Laufe des Tages kam dann heraus, dass er nicht auf Clenbuterol, das China-Fleisch-Hormon, positiv getestet wurde sondern auf Steroide, die man wohl nicht mal eben so auf der Straße findet.
Außerdem, heißt es, sei noch ein Brasilianer betroffen, wer, weiß man noch nicht. Alle sagen jetzt, dass sei schlecht fĂŒr die Sportart. Ist das so? Oder is any press good press? Die ARD ĂŒbertrĂ€gt ja nach kurzem Beleidigtsein bei der Tour de France 2008 – denn das gehörte ja zumindest zum guten Ton – wieder heiter weiter. Und dass die Jungs da keine Sponsoren mehr hĂ€tten kann man jetzt auf den ersten Blick auch nicht direkt feststellen.
Der Umgang mit dem Thema ist so unvorhersehbar wie die Kontrollen selbst. Auf der einen Seite gibt es FĂ€lle wie Claudia Pechstein, die quasi von den Medien öffentlich gesteinigt wird, Stefan Uhmann, der wegen einem Joint zwei Jahre von der BildflĂ€che verschwindet und Cesar Cielo. Der brasilianische Schwimm-Star darf trotz positiver Dopingprobe bei der aktuell laufenden Schwimm-WM in Schanghai starten. Bei ihm wurde, wie bei zwei seiner brasilianischen Kollegen Nicholas dos Santos und Henrique Barbosa, das Verschleierungsmittel Furosemid gefunden, was aber nur fĂŒr eine Verwarnung des internationalen Sportgerichtshofes CAS reichte. Mit einer Koffeinkapsel habe er die Substanz versehentlich eingenommen. Scheinen alle recht mĂŒde zu sein im brasilianischen Lager. Lediglich Vinicus Waked, ein weiterer brasilianischer Schwimmer wurde nun wegen wiederholter Einnahme eben dieses Verschleierungsmittels Furosemid fĂŒr ein Jahr gesperrt.
Andre Agassi gibt in seinem Buch “Open” offen zu Drogen konsumiert zu haben und kam nach der positiven Probe damit davon, einen Betreuer in die Pfanne zu hauen. Was einen widerum ĂŒberlegen lĂ€sst wieviel große Namen so im Sinne der Glorifizierung dieser Stars ihrer Sportart glimpflich davon gekommen sind. Oder im Umkehrschluss, wieviele wirklich unglĂŒcklich zu einer positiven Probe gekommen sind aber nicht populĂ€r genug waren um nicht ĂŒber die Klinge springen zu mĂŒssen.
Wie es mit Pedro und dem ominösen zweiten Fall weitergeht, ist noch unklar. Die Spanne der Konsequenzen scheint hier zu beiden Seiten offen und spiegelt die Gefahr des Generalverdachts gegenĂŒber der Ungerechtigkeit des tatsĂ€chlichen Dopingbetrugs wider. Und da die Voraussetzungen in jedem Fall so unterschiedlich sind und es keine Möglichkeit gibt, immer gerecht zu sein, wird es wohl auch weiterhin bei der sehr individuellen Behandlung jedes einzelnen Falles bleiben…
In diesem Sinne, bleibt sauber…ich geh jetzt WĂ€sche waschen fĂŒr Polen nĂ€chste Woche!
Die Sara
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Eine Antwort auf Ein heikles Thema

  1. Martin sagt:

    Wirklich interessantes Thema und toll geschriebener Beitrag (wie auch die vielen anderen zuvor).
    Es scheint aber wirklich so, dass in den großen und medienwirksameren Sportarten die Chance der Vertuschung oder des Davonkommens grĂ¶ĂŸer ist (zumindest teilweise) aber das liegt vielleicht auch daran, dass da imens viel Geld umgesetzt wird. Somit steigt ja auch der Druck auf die Athleten, immer Höchstleistungen vollbringen zu mĂŒssen, aber ein Körper ist nun mal keine Maschine. Eigentlich finde ich es immer Schade, dass Beachvolleyball und Volleyball in Deutschland, da noch nicht so weit oben angekommen sind (medientechnisch etc.), aber von der Seite her betrachtet, hat es wohl auch was positives. Außerdem gibt es wohl nur wenig andere Sportarten auf dem Niveau, bei denen man so locker mit den Spielern reden kann, ohne dass sie abgeschirmt werden und in verdunkelten Bussen gleich nach dem Spiel davon dĂŒsen :)
    Also sind die vermeintlich negativen Aspekte manchmal doch die positiven! :)

    In dem Sinne viel Erfolg in Polen!
    Martin

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